Am 26.11.24 fand unser jährlicher bayernweiter Fachtag Beratung in der Pflege mit dem Schwerpunkt „Bedarfe von Menschen mit Hörbeeinträchtigung in Beratungs- und Unterstützungsstrukturen“ mit zahlreichen virtuellen Teilnehmern statt.
Erstmalig führten wir diesen mit 2 Gebärdensprachdolmetschern und auch einem Transcript durch.
Dieser Fachtag war für uns und für die Teilnehmenden ein Besonderer: Er enthielt viele Hintergrundinformationen und auch praktischeTipps – machte aber auch sehr betroffen und nachdenklich. Alle Referierenden lieferten einen starken und sehr menschlichen Einblick in Ihren Arbeitsbereich.
Lisa Stockleben, Kognitionsforscherin im Feld Alter-Demenz-Taubheit an der Uni Köln, referierte fundiert zur heterogenen Zielgruppe und deren Lebenswelt, welche in der Historie durch Diskriminierung/Gewalt und Stigmatisierung geprägt war, sowie zu Auswirkungen dessen und auch internalisierten Mustern. Sie machte deutlich, dass Menschen eine direkte Kommunikation (z.B. durch Gebärdensprache) brauchen, um sich wohl und versorgt zu fühlen und vertrauen zu können.
Reiner Hofmann, Dipl Psychogerontologe und Audiotherapeut, brachte uns anschaulich die Anatomie und Physiologie des Hörens und möglicher Einschränkungen nahe bei, sowie praktische Auswirkungen im Erleben und der Interaktion. Er verdeutlichte so, dass das frühzeitige Tragen eines Hörgerätes wichtig ist, auch weil Schwerhörigkeit als geistige Beeinträchtigung das Risiko einer demenziellen Erkrankung und somit auch von Verhaltensauffälligkeiten erhöht.
Gesine Haerting, Medizinerin und ebenfalls Audiotherapeutin griff diese Auswirkungen mit sehr anschaulichen Beispielen im Umgang auf und erweiterte das Thema um eine weitere Perspektive: die der Selbstfürsorge. Sie verdeutlichte uns, dass bei einer Hörschädigung nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen sinkt, sondern auch die der Betreuenden – sie warb dafür diesen Zusammenhang zu trennen.
Isabelle Klemm, Hörgeschädigten-Pädagogin im außerschulischen Bereich und DSB Pflegelotsin, verdeutlichte dass Hören nicht gleich Verstehen ist und stellte wichtige Inhalte für eine fachliche Schulung für Pflegekräfte im Umgang mit Menschen mit Hörbehinderung vor, welche Sie als Pflegelotsin anbietet.
Am Nachmittag hatten wir zum Abschluß Herr Stephan Straßer, selbst gehörlos und gebärdend, Geschäftsführer des Gehörlosenverbandes München und Umland e.V (GMU) und Julia Meyer, ebenfalls GMU und dort in der Sozialberatung tätig. Während Frau Meyer uns einen differenzierten Einblick in Ihre Beratungsinhalte gab und uns wichtige Zusatzinformationen zu den Beratungsinhalten gab, bekamen wir mit Herrn Straßer einen energiegeladenen Vortrag (gebärdensprachlich) in seine Sprach- und Kulturgemeinschaft. Er verdeutlichte die Schwierigkeiten, die v.a. auch dadurch entstehen, dass Gehörlosigkeit eine unsichtbare Behinderung ist und für viele dadurch der Unterstützungsbedarf unsichtbar ist. Er räumte auch mit Vorurteilen auf, z.B. dass es auf der Welt nur eine Gebärdensprache gibt – er verdeutlichte, dass auch die Gebärdensprache durch die jeweilige Gesellschaft, Kultur und Geschichte geprägt ist und dadurch nicht universell sein kann. Zudem verdeutlichte er die Wichtigkeit von Gebärdensprache, da durch Mundlesen nur 25-30 % der Informationen aufgenommen werden können.
Ganz wichtig war ihm zu sagen, dass der Begriff „taubstumm“ diskriminierend ist, da er nicht stumm ist – seine Sprache, die Gebärdensprache ist dreidimensional, vollwertig und setzt neben dem Körper auch Gestik und Mimik ein – keiner der Teilnehmenden wird dieses jemals nach diesem Vortrag anzweifeln…
Die Teilnehmenden bedankten sich für diesen inhaltlich sehr guten, interessanten, wichtigen und zugewandten Fachtag, welcher viel Stoff zum Nachdenken lieferte und berührte.